Sonntag, 29. März 2020

Donnerstage sind ... hellbraun

In der guten alten Zeit, also bis letzten Montag, waren meine Donnerstage immer hellbraun, mit einem rötlichen Touch. Keine Ahnung, woher das kam. Öffentlich habe ich die Beschreibung natürlich nie verwendet, klingt ja auch blöd, wenn jemand fragt 'wie war denn dein Tag im Büro?'  und die Antwort erhält: 'Ja, hmm, hellbraun, mit einem rötlichen Touch' und auf Nachfrage die Erklärung ''jetzt, wo du nachfragst, ein bisschen dunkler rot als normal'.

So war's also nicht. Aber dennoch: gestern war ein solcher Donnerstag. Und das will schon was heißen, nach der Zeitenwende. Zwei Fixpunkte gab's: Meeting ganz lokal um 14:00 und Meeting ganz global um 18:00. 

Das ganz lokale Meeting war das dritte, bei dem die Strategie erarbeitet wurde, wie der Haufen Parkies, sorry der Fife Branch von Parkinson's UK in einer Zeit der Isolierung weiterhin sinnvolle Hilfen für die Mitglieder bereitstellen könne. Da ist eine Menge Hirnschmalz nötig, denn es sind ja in den meisten Fällen Menschen höheren Alters (ich muss mich da vorsichtig ausdrücken, schon mir selbst gegenüber) oft mit Zusatzproblemen - also die Risikogruppe 'besonders gefährdet’, die normalerweise die Angebote besonders oft in Anspruch nimmt. Ich bin da - nicht besonders eifrig - in der Wandergruppe drin und meine erste Bekanntschaft mit Parkinson’s UK ging von dieser Urzelle aus.  Dann im Verlauf von nicht mal 2 Jahren ging's auf Einladung des Edinburgh Branch nach Montreal, zur WPC2013. Und dadurch waren die Weichen für eine - nennen wir sie mal - Parkinson-enriched Phase meines Lebens gestellt.

Heute ist meine Verbindung zur Truppe um John Minhinick eher gering. Etwas halbseiden nehme ich jedes Jahr die Rolle des Research Champion für Fife an, mit der schwierigsten und zeitaufwendigsten Aufgabe, den Eintrag im Faltblatt und zuweilen im Newsletter auf mögliche Schreibfehler zu prüfen. Aber auch ohne meine Hilfe (oder vielleicht gerade deshalb) hat John aus einer beschaulichen, zufriedenen, gemütlichen und guten Gruppe eine fabelhaft organisierte, effektive Prachttruppe geschaffen, die stets als Vorzeigekind  geehrt wird. Well done, John. Mit seiner Vergangenheit als britischer Regengott (meine Worte, richtig wäre, Chef der britischen Meteorologen) und Chef der britischen Rotarier hat er zwar einen geografischen Rückschritt hingenommen, aber nicht an Bedeutung für uns.

Das zeigte sich diese Woche wieder einmal: Ende letzter Woche führte er das Fife Schiff gegen jede Strömung, gegen den Sturm Richtung ‘wir lassen uns von dem dahergelaufenen chinesischen Zirkusvirus nicht beeindrucken, während sein Vorstandskollege aus Edinburgh zur gleichen Zeit alle Veranstaltungen, und das sind deutlich mehr als wir uns jemals leisten konnten, ab sofort absagte. Richtig so, dachte ich mir, schrieb eine Antwort an John, die u.a. mit dem Hinweis auf die Kapazität der NHS ein eindeutig unschlagbares Argument auffuhr, wartete mit dem Absenden auf den nächsten Morgen, damit ihm die kritische Mail nicht seinen wohlverdienten friedlichen Sonntagabend ruinierte und fand mich unvermittelt auf dem gleichen Schiff, dem gleichen Kapitän, dem gleichen Unwetter trotzend schon in voller Fahrt, jedoch in der anderen Richtung. Mirakulös, mirakulös. Und nicht nur befanden wir uns auf volle Kraft voraus - an der Spitze des Parkie Verbandes. 

Da ich ja meinem Titel entsprechend Mitglied der Führungstruppe , konnte ich das erhabene Gefühl, dass wir wieder mal die, besten, am besten vorbereiteten, etc. seien mit berechtigtem Stolz genießen. Wohlan denn, lasst es mal krachen.

Na - ja. So ganz hatte ich die letzten Tage nicht nur in meinem hin- und hergeschundenen Körper über die Strapazen und Leiden des alternden Werner gebrütet, sondern den kleinen grauen Zellen auch zuweilen noch andere Aufgaben gegeben als nur rumzujammern. Auch ich machte mir - nicht das erste mal - Gedanken, welche Hilfsmöglichkeiten zur Überbrückung der kommenden Chaostage, -wochen, -monate (die nächste Einheit schreibe ich nicht, denke ich nicht) als funktionierende Einheit uns zur Verfügung stünden. Insbesondere als die Einheit, die für die Mitglieder die passendsten Angebote bereit hält. Klar war - fast nichts. Keine Dauer, kein Wissen über weitere  Freiheitsbeschränkungen, das Verhalten der Menschen bei steigendem Druck, nachlassender Versorgung. Schon im Normalfall sind solche Fragen am besten an eine Kristallkugel zu stellen, trotz der Annahme nicht disruptiver Entwicklungen. Und jetzt, Schlaumeier, jetzt ist’s aus mit Entwicklungsmodellen, oder Extrapolation. 

Also bleibt nur, die Angst, die Einsamkeit, den Stumpfsinn langer, gleichartiger, farbloser Tage, die Langeweile zu bekämpfen. Und dafür gibt es Lösungen. Den später Shakearazzi TV genannten Vorschlag habe ich der Walking Group sofort auf den Weg mitgegeben, dann einen Vorstoß bei Marc für DRIG unternommen und ihn dann für Shakearazzi, erstmals konkretisiert. Bob jedenfalls war begeistert, vielleicht auch nur der sechs Folien wegen, die ein bißchen anders als ūblich gestylet waren.

Das Konzept ist jetzt einige Ideenrunden weiter und der erste 'offizielle' Kontakt mit der öffentlichen Meinung steht bevor. Viel wichtiger aber: wir wagen den Sprung ins kalte Wasser: 

Montag Besprechung mit den anderen Shakearazzi und Annahme dass sie sich zwar mal als 'überfahren wurden' vorkommen werden, aber trotzdem an Bord sind. 

Dienstag: Dryrun mit ausgewählten, freundlich gestimmten Zuschauern. 

Mittwoch, 10:30

Ladies and Gentlemen - this is Shakearazzi TV 'on air'
Now and every Wednesday at 10:30 until this chaos will last.

Ja, ein bisschen voreilig. Aber es sollte klappen. Dies ist ja auch nur der sichtbare Teil des Eisbergs. Den Motivationsteil mit seinen vielen Ästen, ja, den sollten wir, müßten wir, müssen - nein  - werden wir ab Donnerstag in Angriff nehmen.

Ganz schön lebendig, meine Vorstellungswelt! Aber  keine Realisation (oder so ähnlich: derart dämlich habe ich mich nicht mal als Innovationsfeigenblatt von NSN ausgedrückt. So ein Schmarrn wäre oftmals eher angebracht gewesen,
 als die offiziell gültige Aussage.

Etwa in der Form habe ich mich dann beim zweiten, weltweiten (falls das je irgendeiner lesen sollte, unbedingt weitergeben) Zoom gefühlt. Daneben, so richtig daneben. Und ich musste mich gar nicht erst dazu anstrengen. Wenn sich 15 Leute 'gegenüber' e, jeweils eine bis zwei Minuten haben, um sich vorzustellen    von da an gemeinsam arbeiten wollen, dann ist das schon, prinzipiell sehr einfach weil jeder seinen eigenen Teil des Globus bearbeiten wird und dabei von den anderen unterstützt werden wird.

Soweit zur Theorie. In der Praxis stellte mir meine 'zu jeder Zeit nur eine einzige Aufgabe bearbeiten zu können' Beeinträchtigung (laufen und reden  - funktionieren nicht gemeinsam, und deshalb sie schon vor Jahren schon gegen die viel einfacher handzuhabende radeln und stürzen ausgetauscht). Schliesslich war es mein 'allerniedlichstes' reden und denken (leider traurige Wahrheit). Dss.. sich mir in den Weg stellte. Die einzige Eigenschaft dieser Kombination, weist entweder auf einen Inhaltsschwafler hin (Eigenschaft: kann stundenlang Blodsinn verzapfen) oder auf einen stillen, leisen, schüchternen Zeitgenossen wie mich (Ulli, ich hör Dich protestieren!!!!). Und deshalb liefen meine 2 Minuten etwa so ab: 'wie man sofort hört, bin ich nicht aus Schottland, sondern aus Bayern (ich zu mir: du trottlduwolltestdochganzandersanfangen) und schon war's geschehen: Hirnfreezing oder Maulfreezing kommt dem wohl sehr nahe. Damit bin ich der Ambassador mit der geringsten stimmlichen Bedeutung.

Imerhin habe ich gleich nach diesem weltumspanneden Fauxpas meine englische Kollegin angemailt um zu sehen, wie gross mein angerichteter Flurschaden wohl ausgefallen sei.

Es war nur eine kurze email - Mitleid, wohl.

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