Sonntag, 22. März 2020

Tag 4 - Angriffe

Gestern war ein nicht wirklich guter Tag. Ich hatte schon längere Zeit die Befürchtung, daß mit meinem Gebiß etwas nicht stimmte. Aber in der Relevanz der Ereignisse spielt ein Zahn oder auch eine Gebisshälfte nur eine sub-Rolle. Bis eben gestern morgens nicht mehr ging. Da kam so viel 'Zeugs' von unten durch die Krone (Corona? ja, da habe ich ganz viele davon). Und das Zeugs ist eklig, greislig (hochdeutsch grauenvoll). Gottseidank nahm mich die Assistentin bei unserem Zahnarzt noch als emergency dran, verschaffte mir einen Termin und dann ging's zu Mr Bruce.

So gestresst habe ich ihn noch nie gesehen. Nur ein freundliches hallo, wie geht's und dann schon zur Sache. Für lange Erläuterungen meinerseits hat er natürlich keine Zeit und schon wird geröntgt, was ihm wenigstens eine Minute zum Verschnaufen läßt bevor er mir den Sachverhalt erklärt: Ich habe ein Loch im Kieferknochen (cave - da schmuggelt mir die intelligente Rechtschreibfehler doch ein Café unter - in a jawbone ) klingt auf English deutlich besser als es sich in deutsch anfühlt. Leider kann man da zur Zeit nichts machen. Da muß halt der Knochen angebohrt (ich stelle mir eine Ölplattform vor) und die Cavität (aha, es ist also doch ein deutsches Wort vorhanden) ausgefüllt werden. Er klingt, wie immer sehr ruhig, beruhigend. Das impliziert natürlich eine gewisse Vorahnung von dem, was da kommen möge. Aber noch nicht kommen kann, denn ab Montag werden nur noch nachgewiesene Notfälle behandelt. Und die - so habe ich verstanden - werden nicht durch eigene Aussage zum Notfall, sondern erst durch eine Untersuchung? Keine Ahnung, klingt aber auch nicht beruhigend. Er verschreibt mir noch ein Antibiotikum und wünscht mir für die kommende Zeit alles Gute. 'Wir sehen uns nach dem Sommer wieder…' Von mir aus gerne!

Auf dem Weg vom Auto zum Zahnarzt war es nicht so auffällig, das Damoklesgefühl das mich beschleicht, als ich die Praxis verlasse. Im Wartezimmer waren nie so viele Menschen, dass sichtlich Abstand genommen werden mußte und so unauffällig wie möglich setzte sich jeder Patient dorthin wo der größtmögliche Abstand zu allen anderen zu finden war. Subtil, aber deutlich.

Der Weg zu Boots, das Medikament zu besorgen, ist nicht weit und Eleanor wartet im Auto.in der anderen Richtung. Am Eingang stehen einige Leute, diskutieren, zeigen auf einige bedruckte Blätter, die die gesamte Glasfläche des Eingangs bedecken. Drei oder vier gehen wieder fort, ein Mann schüttelt nur den Kopf und ich versuche festzustellen, ob und wann denn der Laden geöffnet hätte. Gerade lese ich eines dieser Papiere: 'bis auf weiteres haben wir jeden Tag zwischen  1 und 2 geschlossen', das aber auch keinen Sinn macht, als ein Herr fragt: 'Sind Sie der Fünfte?' was absurd ist, da ich alleine rumstehe. Macht auch keinen Sinn, wenn's wiederholt wird. 'der Fünfte, was meinen Sie?' 'da steht doch, dass die jeweils nur maximal 4 Leute in den Laden lassen…' Klar bin ich der fünfte und schon drin, weil jemand herausgelassen wird. Wohl dem, der die Information finden und dann auch noch lesen kann … was mir wiederum deutlich macht, wie schlecht es um mein Sehvermögen bestellt ist. Declining! Declining! Und da wird auf einmal das Schwert über dem Kopf sehr sichtbar. Sehr deutlich und scharf.

Das muß alles erst mal verdaut werden. Zuhause sammeln wir die vereinzelten Gedanken an den Resttag ein und beschliessen, den Nachmittag am Tay zu verbringen, von Balmerino Richtung Newport, das letzte Stück des Fife Coastal Walk entlang, so weit ich halt heute gehen kann. Damit haben wir das letzte Teilstück auch in Angriff genommen. Wieder etwas abgeschlossen, …

Haben wir nicht, denn bei mir ist die Erschöpfung ausgebrochen, wieder mal. Trotz des wunderschönen Dorfs, dem Dundee-Blick, dem traumhaften Wetter: Nix geht mehr. Gar nix. So wird's halt ein Siesta-Nachmittag. Kurz gebe ich noch Esther und Tiffany Bescheid über die zusätzliche Medikation, schaue noch kurz rein, ob der gestrige Angriff auf mein Postfach doch mehr Schäden verursacht hat, als mir bisher bewusst war und dann …

… bin ich wieder aufgewacht. Eleanor ist noch immer aufgebracht, daß eine normale Bestellung (nur haushaltsübliche Mengen, was wir halt so normalerweise bei unserem Tesco-in-dundee-besuch einkaufen) nur etwa halb geliefert wird. Kein Zucker, eine kleine Packung Corn Flakes. Von jeder Position  fehlt etwas, ist nur in kleinerer Menge geliefert, oder halt gar nicht dabei. Habe ich dich bei den Passanten am Mittag nicht entdeckt, so ist jetzt klar, wie dieses Damoklesschwert über uns allen hängt.

Der Rest ist schnell erzählt, kurz und ungut:

Jürgen spricht mich auf meine Affinität zu Handies, Foto und Samsung an, was ich unbedingt widerlegen muss.
Ein paar WhatsApps rausgejagt (Bayern hat Ausgangssperre ausgerufen:; Der Söder,ja mei, der macht hoid wos!)
Traudl angerufen (ist noch schwach, klingt aber gut)
Erwin angerufen (arbeitet viel für sein Tansania Projekt, ist ansonsten aber auch persönlich und sozial isoliert) und

Monika ist positiv, Corona positiv und damit wohl die gesamte Familie. Sch...Virus!

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