11 Dezember 2010

Finito Ospedale

Eigentlich hatte ich ja nur 1-2 Wochen vorgesehen, evtl. noch eine kleine Ergänzung durch eine kurze Reha (falls nötig) – aber mehr als 2 Monate waren definitiv nicht für Aufenthalte in Krankenhäusern oder Kliniken geplant. Immerhin – seit etwas mehr als zwei Wochen bin ich wieder zuhause, in meiner trauten Umgebung und schlafe wieder in meinem Bett, mit meinen Decken  (nicht den tonnenschweren Krankenhausdingern, die einem in der Nacht den Atem wegdrücken) und bin wieder auf eigenen Füßen. Sowohl physisch als auch in übertragenem Sinne.

Dennoch sind die Klinik-Monate doch relativ schnell vergangen – bei denen in Großhadern fehlt mir ein Großteil der Erinnerung (wahrscheinlich ist das richtig gut und eigentlich möchte ich mich da auch nicht mehr weiter reindenken) und Lenggries war nach den ersten Tagen so vollgestopft mit Terminen, daß jeder Wochentag einfach ruck-zuck verging und ich dann am frühen Abend schon wieder total ermattet im Bett gelandet bin. Das ist eigentlich unglaublich, aber trotzdem wahr.

Die Dr. Schönbergers & Co. hatten mir in der Klinik so ziemlich alles angedreht, was an Rehamaßnahmen dort überhaupt möglich ist (wahrscheinlich ist das zwar nur meine subjektive Wahrnehmung, aber mein Terminplan ließ eindeutig nur diesen Schluß zu). Ich wußte gar nicht, wie mir geschah! Unvermittelt fand ich mich in physikalischer Reha, beim Geräte- und Fahrradtraining (was mir zunehmend mehr Spaß bereitete), in der Parkinson-Sitzgruppe (interesting, aber nicht für meinen Rücken geeignet), einem sog. Arm-Zirkeltraining, dazu gab’s Krankengymnastik und oftmals für meine malträtierten Muskeln noch den Hydrojet anstelle von Massagen. Die Neuropsychologen machten ungefähr unendlich minus eins Tests,  um meine Fähigkeiten zu eruieren (was mir weniger gut gefiel, weil ich immer mit der prä-OP Situation verglich); immerhin scheint meine Fahrfähigkeit nicht echt beeinträchtigt zu sein – wenngleich ich immer noch nicht Autofahren darf. Und der eine fehlende Test hätte mich sicher wieder aufgebaut – aber ich hoffte umsonst darauf. Ganz besonders genervt war ich schließlich vom Feinmotorik-Training, wo mir – wie bei den Psychologen – meine momentanen Limits sehr deutlich vor Augen geführt wurden: jetzt fehlt’s nicht nur an der verparkinsonten rechten Hand, sondern die linke ist auch ziemlich betroffen – und eine Verbesserung ist nur im Epsilon-Bereich festzustellen. Wenn’s also wieder werden sollte, dann dauert das nicht nur Wochen oder Monate, sondern kann sich auch mehr als ein Jahr hinziehen. Geduld ist angesagt – wieder mal. Das Sprachtraining hat sich entweder bezahlt gemacht – oder das Sprechvermögen ist einfach wieder relativ schnell zurückgekommen. Anfangs hatte ich noch einige Probleme, gegen Ende des Aufenthalts waren sie nur noch zu hören, wenn man ganz genau aufgepaßt hat. Schließlich endete fast jeder Tag mit dem Entspannungstraining, das ich zwar bei den Psychologen gemacht habe, aber auf meine Art und nicht mit der angebotenen Jacobsen-Technik, die ich noch nie mochte. Was mich manchmal von der Konzentration auf die Entspannung abgehalten hat, war der Versuch, dem Wunsch eines Therapeuten nachzukommen und mit dem Zwergfell (!) zu atmen…

Meine Entzündungswerte haben sich während des Aufenthalts deutlich gebessert und lagen schließlich sogar unter dem Schwellenwert, den ich eigentlich angepeilt hatte. Die knapp 8 Wochen mit Antibiotika waren also nicht umsonst – aber dennoch ziemlich anstrengend. Dazu kommen noch die Parkinson-Medikamente, deren Dosis wegen der besseren Heilungschancen erhöht wurde und noch für mindestens ein halbes Jahr Mittel gegen potentiell gefährliche epileptische Anfälle, die durch den Heilungsprozeß der Gehirn-OP ausgelöst werden könnten. Momentan fühle ich mich also eher als wandelnde Apotheke und weniger als gesund(end)er Mensch. Aber – wenn’s hilft…

Immerhin hatte der Aufenthalt in der Reha noch einen weiteren Effekt: Man sieht viele Menschen, denen es deutlich schlechter geht und darunter auch manche, deren Chancen minimal sind. Da wird das eigene Leiden doch etwas relativiert, insbesondere, wenn es so dramatisch bergauf geht, wie bei mir. Immer natürlich vom Ausgangszeitpunkt aus gesehen, nicht von dem Zeitpunkt vor der OP. Da muß schon noch viel passieren…

… denn so richtig übermütig kann ich noch nicht werden. Es ist schon ein Unterschied, in der Klinik versorgt zu werden, oder sich wieder in der eigenen Umgebung um alles kümmern zu müssen – trotz aller Hilfe. Spaziergänge im postsommerlichen und  präwinterlichen Lenggries sind entspannend und aufbauend – Einkaufen in Tölz eher aufreibend. So hatte ich einfach Glück, einen wunderbaren Herbst in der Bilderbuchumgebung von Lenggries erlebt zu haben, der einen gewissen Ausgleich nach dem verregneten Sommer dargestellt hat: Wetter, Farben und Landschaft vom Feinsten und das für nahezu 5 Wochen, wenngleich zeitlich bedingt nur zwischen den vielen Anwendungen.

Der Geierstein im herbstlichen Abendlicht
Mittlerweile habe ich die Nachuntersuchung am MRT hinter mir – diesmal ohne Probleme – und das Ergebnis ist bemerkenswert positiv – auch wenn ich da noch etwas Unordnung am ehemaligen Parkplatz von Hirni sehe. Aber auch die ‚gräuliche‘ Stelle wird sich noch weiter normalisieren – allen kompetenten Medizinern zufolge.


Dennoch muß ich mich mit der Deckelung noch etwas gedulden – sie kann erst 3 Monate nach Abklingen der Infektion durchgeführt werden. Nach kleineren Diskussionen, wann dieses Vierteljahr denn verstrichen sein wird, haben wir uns auf den 26. Januar 2011 geeinigt. Großhadern – ich bin wieder im Anmarsch – und bitte diesmal ohne Komplikationen…

03 Dezember 2010

Easy-Jetting

Tja – jede Reha hat auch mal ein Ende. Und dann steht wieder zuhause an – mit: selber einkaufen, Georgie (und mich selbst) versorgen, Wohnung einigermaßen sauber halten, Wäsche waschen, etc.

Also ohne die zweimonatige ‚all inclusive‘ Versorgung aus Großhadern und der Fachklinik Lenggries. Und auch wenn’s noch so gut geklappt hat mit dem körperlichen Aufbau – es ist halt doch ganz anders, wieder zuhause zu sein. Klar – deutlich schöner, angenehmer, relaxter, ruhiger und vor allem auch wieder mit Georgie (der im Urlaub bei Helmut 10% zugenommen hat!). Aber ob das auch so richtig klappt? Heaven knows, oder werauchimmer – und deshalb wollte Eleanor gleich am ersten Wochenende vorbeikommen und prüfen, ob es wirklich funktioniert mit mir Single wieder in Tölz.

Einige Male hatte ich versucht, sie von dem Vorhaben abzubringen, da sie so tief in Arbeit steckt, daß sie noch einige Stunden an ihre üblichen 36 Stunden-Tage anhängen muß. Alternativ müssen halt noch die Nächte herhalten. Und zudem hat Easyjet wieder auf den Winterflugplan umgestellt – ohne die sommerlichen Nachtflüge von und nach Edinburgh: die finden jetzt am späten Nachmittag statt, aber immerhin so früh, daß Eleanor den Flug nach München am Freitag nicht erreichen kann.

Also wird umgeplant und ein Zwischenstopp in London eingelegt. Den Freitag-Nachmittag verbringt sie mit Arbeit, die sie mit nach Hause genommen hat. Dann geht’s nachts Richtung London, um Mitternacht dann für einige Stunden in ein Airport-Hotel und um 04:00 klingelt der Wecker. Weiterflug ist um 06:05. Und wenn man weiß, daß Eleanor in sich bewegenden Objekten so gut wie nie schlafen kann, kann man sich vorstellen, wie müde sie um 11:00 in Tölz angekommen ist.

Immerhin ist es ein Bilderbuch-Tag, kalt aber sonnig und in der Marktstraße hat einerseits der Christkindlmarkt geöffnet und andererseits auch Jochen seinen Süßen Laden, Dependance Bad Tölz eröffnet. Was zu einem kleinen Einkauf und mehreren Espressi führt. Abends ist dann noch das Krambambuli angesagt – nettes Dinner in sehr netter Umgebung.

Am Sonntag schlafen wir uns aus und nach einem späten und langen Frühstück ist der Besuch schon wieder so gut wie vorbei: Die BOB fährt um 14:00, der Flug ist nach 17:00.

Der langsamste Taxifahrer (ich darf ja OP-bedingt mein Auto nicht bewegen) aus Bad Tölz und Umgebung bringt uns zum Bahnhof und, als die BOB gemütlich Richtung München abdampft, mich wieder retour. Aber nur bis zum Ende des Parkplatzes, denn da SMSt mir Eleanor, daß ihr Flug annulliert sei. Also rufe ich sie an und bitte sie, in Reichersbeuern, der nächsten Station, auszusteigen; wir holen sie von dort ab. Dem Taxifahrer ist’s recht – so kann aus einem Minigeschäft ein guter Tag werden. Also sind wir wieder zuhause und versuchen, irgendeine Möglichkeit zu finden, die Eleanor in absehbarer Zeit zurück nach Cupar bringt. 2010 – das Jahr der komplexen Rückreisen – ein Vulkanausbruch (eine Woche Verspätung), ein Krankenhausaufenthalt (10 zusätzliche Tage) – und jetzt Schnee in Edinburgh. Das kann doch nicht wahr sein! Ist es aber.

 Immerhin schaffen wir innerhalb von zwei Stunden eine Lösung – wobei uns Douglas in Cupar unterstützt:

BOB um 17:00
Easyjet nach London Stansted um 21:irgendwann
Übernachtung im Flughafenhotel
Zug von Stansted nach Edinburgh resp. Cupar über London City

Alles darf schön bezahlt werden, denn Easyjet erlaubt nur eine kostenlose Umbuchung auf die gleiche Strecke und das auch nur in einem Zeitfenster von 30 Tagen … also neu buchen. Hotel und Bahn müssen auch sofort per Kreditkarte bezahlt werden. Einziges Problem dieser Lösung: Dummerweise ist am Montag mal wieder ein Streik bei der Tube angesagt, sodaß also die U-Bahn als notwendiges Bindeglied zwischen den beiden Londoner Bahnhöfen ausfällt. Muß Eleanor halt einfach wieder früh raus … ist es ja gewöhnt.

Also funken wir wieder den Taxifahrer an, der ob des ungeplanten Reichtums wohl sein Auto reparieren lassen kann… Immerhin – der Airport München ist offen, rechtzeitig erreicht und alles (scheint) in Butter.  Ein bißchen Chaos gibt’s dann doch bei Easyjet, als einige Fluggäste nach Manchester nicht mehr einchecken können, weil deren Plätze durch Rearrangements von Tickets nach Edinburgh verloren gegangen sind… Jetzt fliegen also einige Edinburgh-Gäste nach Manchester und einige Manchester-Gäste bleiben halt außen vor. Aber so sind sie nun mal, die Airlines…

Um 21:00 SMSt Eleanor noch einen Abschiedsgruß: Check In, Security erledigt. Boarding passiert–sie steht an der Treppe zum Bus, der sie zum Flieger bringt …

… oder auch nicht, denn innerhalb 20 Minuten ist das Schnee-Chaos eingebrochen: Kein Flug geht mehr raus. Der Flug nach Stansted annulliert, alles muß wieder zurück durch Security und an den Easyjet-Schalter. Was dauert  und dauert und dann nochmal dauert, denn dort ist genau eine (i.Z. 1) Dame für alle Flüge und Fluggäste zuständig. Gegen Mitternacht ist dann auch Eleanor an der Reihe und bekommt einen Gutschein für zwei Nächte in einem Hotel an der Neuen Messe ausgehändigt. Und eine Buchung auf einen Flug am Dienstag. Das war natürlich nicht das, was wir eigentlich wollten… Aber immerhin, es tut sich was. Für den Transport der Fluggäste steht ein (i.Z. 1) Bus zur Verfügung, der 45 Minuten von MUC zum Hotel braucht – one way. Da Eleanor nicht in der ersten Gruppe ist, kommt sie (déjà vu) gegen 03:00 im Hotel an. Eine kurze Nacht ist angesagt, insbesondere, weil Douglas mittlerweile einen LH-Flug für den nächsten Morgen nach London Heathrow ausfindig gemacht und für sie gebucht hat. Zwischenzeitlich hatte ich die Buchung im Stansted Hotel annulliert – leider zu spät für eine Rückerstattung der Kosten…

Morgens geht’s dann für Eleanor nach MUC – mit der guten S-Bahn und nicht im Easyjet Bus. Und – die Lufthansa fliegt wirklich, denn Heathrow ist offen, Stansted dagegen nicht …

Welcome to London. Jetzt aber erst mal nach King’s Cross und einen Zug finden. Eleanor entscheidet sich – auch wegen der verspäteten Ankunft – die schnellste Verbindung zu nehmen, auch wenn sie deutlich teurer ist. Aber das zahlt sich dann doch noch aus: in Paddington wird sie an der Warteschlange für die Taxis vorbei geleitet und kann gleich das nächste nehmen. Wegen des Tube-Streiks fahren die alle wie in SO-Asien: Wenn’s voll ist, dann geht’s los. Und der Preis wird geteilt! Und in King’s Cross gibt’s sogar einen netten Beamten, der einen Teil des Preises für das Zugticket zurückerstattet – und eines für den nächsten Zug ausstellt, der fast sofort nach Edinburgh startet. Wenngleich wetterbedingt etwas langsam. Immerhin muß Eleanor deshalb die Nacht nicht im Zug verbringen …

… oder doch: Denn dank Verspätung kommt sie erst um 21:00 in Edinburgh Waverly an und dort gäbe es zwar Züge nach Cupar, aber wegen der Wetterbedingungen kein Personal. So geht’s erst um 01:00 weiter und schließlich ist sie um 03:00 zu Hause. Den Trolley hat Douglas getragen – Autofahren war bei dem Schnee nicht mehr drin.

Fazit 1: Irgendwie kommt man immer an. Irgendwie ist in diesem Jahr der Wurm drin – bei mir gesundheitlich und bei Eleanor reisetechnisch.

Fazit 2: Die Schule hat die ganze Woche geschlossen – es gibt so viel Schnee, wie seit Menschengedenken nicht mehr. Und – i-Tüpfelchen – es schneit sogar so viel, daß zum ersten Mal seit ihrer Eröffnung die Forth-Bridge geschlossen werden mußte.

Fazit 3: Das ist alles ein Ergebnis des global warming (Aussage deutscher Klimaforscher, die für Schottland erst mal eine kräftige Abkühlung vorhersagen, bevor’s dann im Lauf der Jahr(zehnt)e wärmer wird).