27 Juni 2010

… und nochmals …

... WM.

Nicht zu umgehen, nicht zu überhören, nicht zu übersehen. Omnipräsent.

Nachdem der SuperGau (beliebte deutsche Wortschöpfung: noch größer als der größte anzunehmende Unfall) gegen Ghana ja doch nicht eingetreten und die Welt in den Fugen geblieben ist, hatte ich heute die zweifelhafte Ehre, Zaungast beim Prestigeduell zu sein: Wir (!?) gegen den Fußballerfinder England! Wieder rüttelt es an den Grundfesten unserer Ordnung, wieder steht ein (diesmal geringeres, da ehrvolleres) mögliches Ausscheiden an, diesmal – im Fall der negativen Fälle – aber nur ein Weltuntergang, nicht mehr.

Eigentlich war ich ja, des schönen Wetters wegen, auf dem Balkon, hatte mir Lesestoff besorgt und war mit mir, der Welt und dem Rest zufrieden, hatte auch noch kurz den Sieg des Deutschen gegen die Engländer bei der F1 mitbekommen – wobei ein bemerkenswert steiler australisch/österreichischer Abflug zu einer unsanften Landung ohne bleibende Schäden führte und das normale Rundum- und Hintereinanderfahren etwas erträglicher machte – und war gerade dabei, mich der Lektüre zuzuwenden, als doch der angehende Weltuntergang hereinbrach.

Beim evangelischen Pfarrer war offenbar geistliches (leider nicht sehr geistvolles) public viewing angesagt, einschließlich ständigem Gekreische (die Damen hatten die phonetische Oberhoheit erkämpft), Gestöhne (ich denke, trotz anzüglichem Klang beim Pfarrer dennoch jugendfrei) und noch einigen verbalen Ergänzungen. Die aber meist nur einsilbig waren, und irgendwie auf ohhhhhhhh, ahhhhhhhhh oder ähnliches rausliefen. Immerhin bekam ich so einen richtig emotionalen Überblick über die Geschehnisse im fernen Südafrika, sodaß ich stets zeitnah auf der Höhe der Dinge war und bei interessantem Geschrei die Wiederholung des beschrieenen Tors am Fernseher begutachten konnte. Ich nenne das mal effective viewing, weil nur wenig Zeit verschwendet wird.

Daß wir (!) dann neben dem 'epochalen' Sieg auch noch die Revanche für Wembley unterbrachten – ein besonderes Schmankerl, sogar für mich. Hat doch damals in 1966 dieses dämliche Nichttor für den einzigen Alkholkonsum meines Lebens (ca. ¼ Flasche Bier) gesorgt. Jetzt sind wir also wieder quitt (ich meine uns, nicht mich).

Langsam denke ich darüber nach, meine WM-VAE Fahne doch nicht weiter zu präsentieren, denn entweder glauben die Fans daß ich völlig meschugge bin, oder sie fühlen sich provoziert … wobei ich mit dem ersten noch ganz gut leben kann. Denn – jetzt, gut 2 Stunden nach dem Abpfiff, dröhnt’s immer noch gewaltig durch Tölz: Wer hupen kann, der hupt, wer schon heiser ist, grölt weiter.

Wenigstens ist dieser Lärm etwas homogener und so komme ich doch noch – an diesem wunderschönen Tag – zu einer genüßlichen Lektüre auf dem Balkon.

21 Juni 2010

Jetzt gehöre ich also auch dazu …

… ich habe eine Fahne ins Autofenster gehängt! Auch ich. Endlich gehöre ich zu denjenigen, die sporadisch aber regelmäßig ihr Auto flaggisch kolorieren – Flagge zeigen. Dazugehören ist einfach alles. Und wenn nicht Flagge, dann wenigstens ein flaggisch-koloriertes Verhüterli um die Außenspiegel. Nett. Nur nicht daneben stehen.

Nach intensiver Recherche ist mir vor vier Jahren geglückt, die Ursache dafür zu ergründen: Es ist Fußball WM. Und ich stand daneben. Bewußt. Habe die WM boykottiert, weder eine Flagge ans Auto gemacht, noch ein Verhüterli angebracht, noch den Fernseher angemacht. Und war damit allein gelassen. Eine Anfrage an den ‚offiziellen WM Sender‘ (BR3) mit der Bitte um 10 fußballfreie Minuten pro Stunde wurde abschlägig beschieden – ich sei der Einzige, dem daran läge.

Also – 2010 wird alles anders.

Ich habe mich für ein Team entschieden – Nordkorea. Das sind die einzigen, die mit einer ausschließlichen lose-lose-Situation konfrontiert sind: Gewinnen können sie nicht und sollten sie doch gewinnen, dann gewinnen sie damit zuhause auch nichts. Vielleicht ein Handy. Das dann wegen mangelnder Netzabdeckung und vor allem möglicher Gesprächspartner gleich in den Müll wandern kann. Aber da bin ich schon wieder der einzige – zumindest bei den Menschen, die ich gefragt habe.

Und alle zweifeln an meinem Fußballverstand – und das, obwohl ich mir jetzt einige Spiele angeschaut habe (resp. habe anschauen müssen…). Mittlerweile habe ich auch das Geheimnis entdeckt: es gibt eine künstlich verknappte Ressource – den Ball (obwohl immer mehrere im Stadion sind) – und der wird nach 2-3 maligem mannschaftsinternen Hin-oder Hergeschubse dem Gegner gegeben. Meist freiwillig, manchmal aber (wahrscheinlich unbewußt) unfreiwillig. Aber im Schnitt landet jede 2,74te Ballberührung beim Gegner. Was ja von Fairplay zeugt. Neben der kontinuierlichen Statistik über die Häufigkeit des Ballverlusts stelle ich auch noch eine über die Tätlichkeiten auf. Das ist ganz hübsch – das Gegenteil von Fairplay – aber immerhin werden die interessanten Szenen ja oft genug wiederholt, sodaß man sich die Spuren von Stollen auf Knöcheln und Schienbeinen auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln ansehen kann. Super – besser als im Kino.

Wie man sieht – jetzt bin ich auch auf der Höhe der Zeit, voll eingebunden, kann fundiert mitreden und sogar Statistiken anbringen, die über die von ZDF und ARD gebotenen Anteile des Ballbesitzes hinausgehen. Diese Statistik finde ich übrigens überaus amüsant, denn sie sagt – gar nix. Und das ist offensichtlich, sogar bei meinem Mikrofußballverstand. Ist aber nett, und kann diskutiert werden.

Wobei für Ansätze zu WM-bezogenen Themen freilich kein Mangel herrscht. So hat mir gestern die Begrüßung zur sonntäglichen Morgentalkshow auf Bayern 3 ganz besonders gut gefallen: ‚Willkommen an diesem kalten und nassen Sonntag, dem Sonntag vor dem Mittwoch, an dem die deutsche …‘. Normalerweise ist ja nicht die deutsche Nationalelf gemeint, sondern man spricht im 80 Mio Pluralis Majestatis von den ‚Deutschen‘ resp. von Deutschland. Also am Mittwoch laufen wir alle nicht nur Gefahr, daß die Welt untergeht – nein, viel schlimmer – wir Deutschen könnten ausscheiden. Bei der WM. Nicht auszudenken! Und dabei haben wir doch so über die Franzosen und Engländer gelacht! Dann doch lieber den Weltuntergang, das kleinere Übel.


Also – ich habe mich ergeben und bin jetzt auch verfußballert. Sichtlich an der Flagge in der Heckscheibe. Ach ja – welche Flagge? Na klar, die einzige, die aufzutreiben war: Die der Vereinigten Arabischen Emirate. Was? Die sind gar nicht dabei! Macht nix – dann kann man wenigstens darüber diskutieren, warum sie nicht dabei sind. Auch ein Aufreißer…

17 Juni 2010

Cool-Tour ...

... oder eine Reise nach Berlin

Nach all der Hitze in Dubai war eine Cool-Tour fällig. Berlin das Ziel der ‚Kultur-Reise‘. Und (mindestens) ein Museum mußte besucht werden. Das schon im Voraus ausgewählt und ein Ticket gekauft worden war. Als Geschenk. Die passende Reise war aber nicht dabei … wie auch nicht der Rest.

Berlin ist immer eine cool-tour wert, bietet tausendfach Kultur und auch hot-tours en masse. Ein gutes Ziel für ein um einen Tag verlängertes Wochenende.

Billigflüge gibt’s mittlerweile nicht nur nach Edinburgh oder Sardinien, sondern mit Germanwings – und sogar Platzreservierung – auch nach Berlin. Schönefeld. Der kommende Airport der Hauptstadt. Und damit eine Riesenbaustelle. Obwohl bereits eine Menge an Terminals rumliegen, eines davon allein für Germanwings (ähnlich wie MUC Terminal 2 für LH und DXB Terminal 3 für Emirates); welch Größe! Immerhin würden so ca. 25 Terminal 4 aus Schönefeld das Terminal 3 in Dubai mal locker belegen und noch genügend Platz für weiteres lassen – wie etwa einige Museen, etc. Also war wohl nix mit physikalischer Größe, sondern nur … wasauchimmerfüreinegröße.

Jedenfalls hat mir Schönefeld schon allein deshalb gut gefallen, weil ein Airbus 380 (mein erster, den ich live gesehen habe) auf dem gleichen Feld wie einen Rosinenbomber aus der Luftbrücke geparkt war. Nein – Schönefeld ist kein Technikmuseum. Auch wenn die S-Bahn schon ein bißchen vor sich hin rattert – immerhin fährt sie (noch), pünktlich, zweimal die Stunde und fast bis vor’s Hotel. Das uns natürlich zu spätvormittäglicher Stunde noch nicht aufnehmen will. Aber den Wellness-Bereich zum Umziehen und ‚Frischmachen‘ anbietet (die Sauna ist schon an und die Fitnessgeräte warten auf Exerciser). Sowie die Eingangshalle, um die Koffer abzustellen.

Einige S-Bahn-Haltestellen – ja, das wird unser bevorzugtes Verkehrsmittel – weiter ist Hacke mit seinen Höfen und jeder Menge Lokalen. Wegen des exorbitant frühen Starts suchen wir entweder nach einem späten Frühstück oder frühen Lunch und bekommen ein nicht gerade typisch berlinerisches Cheese Breakfast, das aber mehr als exzellent und üppig ist und weit über die Mittagszeit hinaus serviert wird. Weil wir dann schon mal da sind, kulturellieren wir mal die Hackeschen Höfe, googeln und wikipedien uns mobil durch die nötige Information, damit wir auch wissen, was wir sehen.

Der Rest des Tages verläuft weiter kulturell, wenngleich wir trotz Fußmarsch über die Museumsinsel und Ansicht von Angela’s Privatwohnung mit den unvermeidlichen, gelangweilten Polizisten am Eingang nirgendwo einen Halt einlegen. Die umstrittene Holocaust Gedenkstätte erweist sich als mental eroberungsfähig – wenn man lange genug drin herumwandert und den Sperrbezirk um die angrenzende US-Botschaft gedanklich verbannt. Bei der britischen haben sie sogar eine Durchgangsstraße gesperrt, wenngleich im gleichen Geäudekarree auch das Adlon untergebracht ist.

Am Kudamm ist noch ein bißchen Architektur, wir finden einige exorbitant schöne graffitierte Hauswände und am Zoo das Beate Uhse Museum, das bis Mitternacht geöffnet hat. Nein – kein kulturell erotischer Tagesabschluß für heute.

Die sonntäglichen Pläne sind klar: Irgendwas wird gemacht, wenngleich wir nicht wissen, was. In der S-Bahn nach irgendwo leuchtet eine Anzeige: Endstation Potsdam Hauptbahnhof. Und so ist’s schnell entschieden. Die Gärten von Sanssouci und evtl. auch das Schloß sollen besucht werden. Also – schon wieder Kultur und wieder kein Museum. Das Schloß ist schon von außen ein bißchen enttäuschend – scheint wenig gepflegt zu sein, Mauerwerk und Putz bröckeln weshalb wir auf einen Besuch verzichten. Und auch der Park ist weitgehend ‚der Natur überlassen‘. Nicht gerade eine Pracht, wenngleich der alte Fritz wohl anders darüber gedacht hat. Aber der hatte ja wohl auch Gärtner zum Pflegen der Anlagen… Ganz nett ist das chinesische Haus, das sich dadurch auszeichnet, daß wohl der damalige Designer China nur vom Hörensagen kannte. Nicht gerade eine typisch chinesische Architektur – aber dennoch nett. Und die Figuren draußen – alle golden in der gleißenden Sonne glänzend – sind auch nur soweit chinesisch, wenn es sich um Diener handelt. Interessantes soziales Gefälle damals. Das Beste was man vom Neuen Chalet sagen kann (vom guten alten Fritz als Prahlerei bezeichnet) ist, daß das WC funktioniert. Und es an einem Ausgang liegt. Direkt an einer Bushaltestelle. An der zwar zwei Dutzend Menschen warten, aber kein Bus kommt. Und als er dann nach Ewigkeiten (sonntags 1x die Stunde) doch noch kommt, ist’s der in die falsche Richtung. Aber eine Haltestelle in der anderen Richtung gibt’s nicht. Abhilfe: ein ‚not in service‘ Bus wird von der mittlerweile wütenden Menge fast gekapert und der Fahrer, der schon 20 Minuten zugesehen hatte, entschließt sich, eine Tour zurück zum HBF zu fahren. Und wir drin.

Mittlerweile haben wir uns entschieden, eine kleine Bootsfahrt zurück nach Wannsee zu unternehmen, lunchen ein bißchen spät am Potsdamer Hafen (absolut gruseliger Service – bitte NICHT hingehen, lieber verhungern) und schippern dann für eine Stunde auf Seen, Kanälen, Flußarmen und sonstigen Gewässern rum, vorbei an bemerkenswerten Bauwerken und vor allem an unzähligen Villen, neu, oder aus der besten Zeit, den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Den Jauch haben wir aber trotzdem nicht gesehen

Vor dem Dinner in unserem Berliner Lieblingsrestaurant geht’s noch zum Frischmachen ins Hotel – diesmal aber im eigenen Bad… Es ist ein richtig schwül heißer Tag geworden und auch nachts um 22:00 ist es noch erstaunlich warm. Weswegen wir uns noch ein bißchen die Füße vertreten und den cool-Teil von abendlichen cool-tour im Museum der verblichenen Beate antreten. Erstes Erstaunen: das kostet 25 (!) € für zwei (single tickets sogar 15 €). Zweites Erstaunen: wir haben diese 25 € in 15 Minuten verbraucht: Zwei Stockwerke lieblos und ziellos dafür wahllos angeordneter Exponate mit teilweise ‚kulturellem‘ Hauch (789 gleichartige chinesische Miniaturen nebeneinander) machen wirklich nicht Lust auf mehr. Dann noch zwei Verkaufsstockwerke – das war’s. Wer da nicht zumindest temporär impotent rauskommt muß blind und taub sein.

Bleibt – das Highlight, weswegen wir nach Berlin gekommen sind: Das Currywurstmuseum! Grade als wir davor stehen, stellt Eleanor fest, daß sie mein Weihnachtsgeschenk – die Eintrittskarte – zwar seit Weihnachten gut verwahrt in ihrem Paß hat, damit diese weder verlorengeht, noch vergessen wird – mitsamt dem Paß im Koffer liegen hat. Und der ist im Hotel. Zur späteren Abholung.

Was für etwas Erheiterung sorgt – auch beim Museumspersonal. Und schließlich kulant geregelt wird: der Eintritt wird zurückerstattet. Ein feiner, unerwarteter Zug.


Um es vorwegzunehmen: das Currywurstmuseum hat es uns angetan! Nicht opulent groß, dafür schnuckelig, interessant, interaktiv. Mit einer kurzweiligen Geschichte des ‘Fast Food’ oder auch ‘Essen im Stehen’ – cooltourell einfach zu empfehlen. Und schließlich kann man einmal in einer Currywurstbude stehen, symbolisch Bestellungen aufnehmen und dann virtuell braten. Was gleich an einem Simulator getestet und bewertet werden kann. Kleine Seitenanmerkung: Ich bin noch nicht mal zum Lehrlingsstadium gekommen … dafür war ich aber ganz gut im Currywurstessen am Ende des Rundgangs.

Draußen liegt – der Checkpoint Charlie. Was Gelegenheit gibt, ein bißchen in die Berliner-, Deutsche- und Weltgeschichte einzutauchen. Das Checkpoint-Häuschen ist naturgetreu wieder aufgebaut, die beiden Wachposten (britisch und US-amerikanisch) können gegen eine geringe Gebühr fotografiert werden, kennen jedoch die historischen Zusammenhänge nicht so genau, wissen nur oberflächlich, was das Ganze eigentlich war und kennen schließlich auch nicht den Unterschied zwischen English, British und Scottish. Was zwangsläufig Eleanor ziemlich frustriert und den Pseudowachposten zur Feststellung veranlaßt: ‚You should talk to my officer about that.‘ Was wir natürlich unterlassen – da würde auch alle Nachhilfe nichts mehr helfen.

So endet also unsere cool-tour durch Berlin. Denn das war’s dann auch schon. S-Bahn nach Schönefeld, Verspätung wegen Air-Show, die am nächsten Tag beginnen sollte. Aber immerhin einen Riesenauftrag von Emirates über 32 380er an die Airbus-Industrie bringt. Vielleicht besuche ich ja das nächste Mal Viola und Michael schon mit einem der Riesenvögel … womit sich dann der Kreis schließen würde.